Textatelier
BLOG vom: 26.01.2010

Was Kirschenbauern unter den Nägeln und im Häfeli brennt

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Einer der Kirschbäume oberhalb von Gipf-Oberfrick AG war alt und morsch. Der Bauer Franz Schmid (80), ein wetterfester Mann, hatte ihn – zusammen mit vielen anderen – vor etwa 40 Jahren eigenhändig gepflanzt. An sich hätte er den Baum schon vor 15 Jahren fällen wollen; doch hatte er einen Kunden, der Kirschen nur von diesem Baum und keinem anderen haben wollte. Das verlängerte das Baumleben. Aber jetzt war es genug: „Ich gehe nicht mehr auf diesen morschen Baum, das ist mir zu gefährlich“, sagte der kräftige Bauer, der seinen orangefarbenen Schutzhelm, der auf 2 gelben Ohrschutzmuscheln zu sitzen schien, etwas zurechtrückte, um die Konversation besser zu ermöglichen.
 
Ich hatte am 20.01.2010 auf dem Strässchen, das von Gipf-Oberfrick über den Wolberg nach Schupfart hinüber führt, angehalten, mich den Bauersleuten vorgestellt und gesagt, dass ich den Chrisiwäg (Kirschenweg) bei allen Jahreszeiten erleben wolle, mich das Jahr des Kirschenbauern also lebhaft interessiere. „Die Menschen, die an ihren Schreibtischen hocken oder mit dem Fotoapparat umherwandern, sind ja auch nicht jene, die auf Kirschbäume steigen“, sagte Franz Schmid, der mich kritisch musterte und sein Tun zu rechtfertigen schien. Einen grossen Baum fällen zu müssen, schmerzt, wohl besonders einen rechtschaffenen Bauern. Nicht nur weil ich es mit Herrn Schmid nicht verderben wollte, sondern weil er ja Recht hatte, pflichtete ich ihm bei. Ich habe eigene Hochstammbäume und weiss, wie gefährlich es ist, auf ihnen herumzuklettern, besonders wenn man die Technik des Leiteranstellens nicht aus dem FF beherrscht, die bei einem Obstbauer alter Schule in Fleisch und Blut übergegangen ist.
 
So fasste der Bauer denn Vertrauen zu mir, weil ich ihm als ehrlicher Mensch begegnet war. Seine arbeitsame, geradezu emsige Frau, bei der ein Gehörschutz wie ein Kopfhörer das blau geblümte Kopftuch befestigte, mag ebenfalls gespürt haben, dass ich eine ehrliche Zuneigung zum bäuerlichen Werken und Wirken empfinde. Sie trug das Kopftuch nicht als islamisches Symbol, sondern zum Schutz ihrer Haare vor dem Sägemehl und wohl auch vor der Kälte. Die währschafte Bauersfrau half beim Spalten des Stamms mit Motorsäge, Axt und Bissen und lud Stücke des braun-rötlichen Kirschbaumholzes auf den Anhänger, der mit einen alten Fiat-Traktor verbunden war.
 
SwissGAP
Im letzten Jahr hatte ich mich intensiv mit dem Kirschenanbau befasst und darüber mehrere Blogs geschrieben, so dass ich jetzt auf fachlicher Augenhöhe mitreden konnte. Es scheine mir, sagte ich altklug, als ob die Landwirtschaftspolitik, repräsentiert von Bundesrätin Doris Leuthard (Schmid zuckte zusammen und griff sich verzweifelt an den Schutzhelm) und auch die überrissenen Anforderungen des Handels alles tun würden, um den Kirschenanbau unattraktiv zu machen. Ja, es komme immer noch besser, stimmte der Bauer zu. Nach den SwissGarantie- kämen ab diesem Jahr 2010 nun auch die SwissGAP-Richtlinien hinzu. Dieses Kontrollsystem gewährleistet die Rückverfolgbarkeit als Bestandteil für SuisseGarantie, die auch den europäischen Standard übernommen hat – Massnahmen im Rahmen der globalen Vereinheitlichungsbestrebungen (GLOBALGAP). Auf der Webseite http://www.swissgap.ch/de/index.html ist darüber zu lesen: Dank neutraler und unabhängiger Kontrollen der Betriebe durch akkreditierte Inspektions- und Zertifizierungsstellen können sich die Konsumenten zu Recht auf Schweizer Früchte, Gemüse und Kartoffeln verlassen: Nach erfolgreicher Kontrolle durch eine SwissGAP-Inspektionsstelle werden die Produkte der Produzentenbetriebe anerkannt. Bei den nachgelagerten Vermarktungsbetrieben findet zusätzlich ein Rückstandsmonitoring statt. Die Zertifizierung der Produkte findet auf dieser Stufe statt. Erst nach der Zertifizierung gelangen die offiziellen SwissGAP-Produkte an die Konsumenten.”
 
Das liest sich gut, beruhigt die Konsumenten. Problematisch werden all die Normen und Anforderungen allerdings für Bauern, die sich mit Hochstämmen herumquälen, alte Sorten pflegen, welche in kein Schema passen. So läuft denn eben vieles auf den uniformierten Plantagenanbau hinaus, der selbst in den Umfeldern des Gipf-Oberfricker Chriesiwegs Fortschritte macht. Und die Gentechnologie wird als eine ausgezeichnete Grundlage für erweiterte Vorschriften indirekt gefördert, d. h. ihr werden alle Türen geöffnet, wenn das so weitergeht.
 
Umwandlung
Am Farschberg ist eine eingehagte, grosse Plantage angelegt worden, und weiter unten und auch weiter oben werden Hochstämme zu Kleinholz verarbeitet. Ein Prozess der Umwandlung ist offensichtlich auch im Gipf-Oberfricken Kirschenparadies im Gange, auch wenn es mir durchaus klar ist, dass Kirschbäume ein begrenztes Alter haben. Im vollen Saft des Wachstums sind sie während etwa 40 Jahren, dann nimmt das Tempo ab. Mit 50 bis 60 Jahren ist das Wachstum beendet. In der Regel werden sie selten 100 Jahre alt – sie sind also dem Menschen in Bezug auf die Lebenserwartung verblüffend ähnlich, nicht aber in Bezug auf das fortschreitende Dickenwachstum.
 
Kirsch
Nach all diesen Erkenntnissen brauchte ich einen Kirsch. Er sollte zudem zur Abrundung des Wissens darüber dienen, was alles aus Kirschen werden kann. Also fuhr ich ins Dorf Gipf-Oberfrick zurück, ein gepflegtes, unendlich langes Strassendorf, dessen fricktalisch-bäuerliche Gestalt noch deutlich zu spüren ist. Ich hielt dort an, wo mehrere blaue Fässer vor dem 1834 erbauten Haus mit grünen Sprossenfensterläden standen und eine Tafel „Echter Fricktaler Kirsch. Fam. Häseli, Gipf-Oberfrick“ in Antiquaschrift angebracht ist, an der Landstrasse 12. Die junge, zierliche Judith Häseli liess mich trotz meiner erdigen Schuhe in den Laden, worin ein grosses Spirituosenarsenal ausgestellt ist.
 
Mein Interesse galt dem einheimischen Kirsch mit dem Echtheitszeichen „Kirsch Suisse“. Ich durfte ihn gleich probieren. Dieser „Häselibrand“ (anderweitig gibt es auch den „Häfelibrand“ = gebrannt in einem kleinen Hafen) war etwas intensiv chambriert, aber umso deutlicher trat die Frucht in die Nase, ein exzellentes, rundes, harmonisches und nicht brandiges Destillat (41 Volumenprozent Alkohol). Judith Häseli sagte, für diesen Kirsch würden ausschliesslich vollreife, gesunde Kirschen von den eigenen Kirschbäumen verwendet. Der Betrieb wird heute von ihrem Vater, Martin Häseli, geführt. Sie begleitete mich hinauf gegen den Wendelhof, zeigte mir die eigenen, gesunden, in langen Reihen gepflanzten Kirschbäume in der Winterhalde, wo die Bäume etwa 20 Jahre alt sind, und jene im Dreispitz und oberhalb davon, insgesamt etwa 500 Bäume, teilweise jugendliche, andere im besten Alter.
 
Der Brennofen sei gerade in Betrieb, sagte meine nette Begleiterin, die sich in der Spirituosenpromotion auskennt. Sie führte mich im Häseli-Haus im Dorf in einen kleinen, schön warmen Raum neben dem Laden, der von einem zarten Kirschen- und Alkoholduft erfüllt war, ein Naturparfüm. Der Brennofen aus Stahl und Kupfer, der im oberen Teil wie ein Taucherhelm von damals mit dem Rundfenster aussieht, war am Aufheizen; ein etwa 3 Jahre altes Modell, das mit Erdgas betrieben wird. Der Vorgänger-Brennofen wurde mit Holz erwärmt, wobei die Temperaturregulation natürlich schwieriger als mit dem Erdgas war.
 
Die Destillation hatte noch nicht eingesetzt. Im Nebenraum, einer Werkstätte, war der Senior tätig: Othmar Häseli, ein rüstiger Mann im blauen Übergewand, zugänglich und gesprächsbereit und mit freundlichem Lächeln im Gesicht. Er überwachte zudem den Prozess und erzählte mir, dass hier pro Tag etwa 1000 kg Kirschen gebrannt werden könnten. Er hat vor rund 70 Jahren die Kirschbäume aus Steinen selber gezogen, veredelt und gepflanzt, kennt das Metier von Grund auf. Als ich den Neunzigjährigen ansah, stellte ich fest, dass Kirsch kein ungesundes Getränk sein könne ... ich tat es aus der Annahme heraus, dass ein Brennmeister sein Produkt doch gelegentlich probieren muss. Ich stiess auf keinerlei Widerspruch.
 
Wir unterhielten uns dann noch über die Branntweinsteuer, die in der Schweiz vom Bund eingestrichen wird mit der es angeblich darum geht, die schädlichen Auswirkungen des Alkoholkonsums zu bremsen – denn mit steigenden Preisen sinkt der Konsum von gebrannten Wassern wie Kernobstbranntwein und Spezialitätenbränden, z. B. Kirsch, Pflümli und Grappa. Besteuert werden gebrannte Wasser aus Steinobst, aus Kernobst, aus Trauben, Wein, Traubentrester, Weinhefe, Enzianwurzeln, Beerenfrüchten und ähnlichen Stoffen. Auch Erzeugnisse mit Zusatz von gebrannten Wassern, Naturweine und ähnliche Weine mit mehr als 15 Volumenprozenten und Wermutwein unterliegen der Branntweinsteuer. Diese beträgt heute 29 CHF je Liter reinen Alkohol; die Brände werden mit selbst hergestelltem destilliertem Wasser verdünnt). Für einen Liter 41-prozentigen Häselibrand macht sie also 11,90 CHF aus. Ich kaufte 7 dl Kirsch (2005) für 29.50 CHF,und dabei habe ich demnach 8.33 CHF Steuern bezahlt.
 
Davon fliessen 90 Prozent in die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV), von der ich als Rentner selber profitiere – nach Jahrzehnten exzessiver Einzahlungen (= Lohnkürzungen). Somit trinke ich (meist zum Fondue) tüchtig Kirsch, finanziere die AHV und mich selber, verlängere das Leben (gemäss Häseli-Beobachtung) und damit die AHV-Bezugsdauer.
 
Die restlichen 10 Prozent des Branntweinsteuertrags gehen an die Kantone zur Bekämpfung des Alkoholismus und des Missbrauchs von Suchtmitteln, Betäubungsmitteln und Medikamenten. Sie sind mein effektiver Verlust. Denn alle diese Massnahmen habe ich überhaupt nicht nötig.
 
Im Interesse der hinterbliebenen Hochstämmer sollte der Bund eher etwas zur Kirsch-Absatzförderung tun, statt da bremsend einwirken. In einem ausgewachsenen Obstbaum einfach eine Quelle aller brennenden Alkoholprobleme zu sehen, ist schon etwas kurz gedacht und hat in der Vergangenheit durch subventionierte Rodungsaktionen die einst schönsten Landschaften, die riesige Baumgärten waren, ihres Charakters beraubt.
 
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